Smart Metering – Stromzähler durchleuchten unsere Privatsphäre 29. Dezember 2010
1 Kommentar

Ich kann mich noch recht gut daran erinnern, wie ich vor einiger Zeit in der Gratiszeitung  „Woche“ von sogenannten intelligenten Stromzählern gelesen habe. Meiner Natur zufolge als „Technikinteressierter“ begab ich mich auf die Suche nach weiteren Informationen. Diese neuen Stromzähler sollten helfen, den Stromverbrauch zu senken indem man sein Stromnutzungsverhalten analysiert um daraus Schlüsse zum Stromsparen zu ziehen.

Technologisch betrachtet müssen diese Geräte aber einen Internet-Anschluss besitzen – jegliche Logik zur Auswertung der Messwerte werden zentral vom Stromanbieter erfasst. Aber bei meinem Stromzählerkasten im Keller eine WLAN Verbindung aufzubauen, erschien mir doch als zu viel Aufwand für den eigentlichen Nutzen.

Old school Smart Meter

Old school Smart Meter

So geriet dieser Gedanke wieder in Vergangenheit, bis ich zuletzt den Newsletter der ARGE Daten (Österreichische Gesellschaft für Datenschutz) mit sehr ernüchternden Informationen rund um die Gesetzesnovelle (Änderung im Elektrizitätswirtschaft- und organisationgesetz 2010) erhalten habe.

Smart Meter

Die Gesetzesnovelle sieht vor, dass diese neuen intelligenten Stromzähler, auch Smart-Meter genannt, verpflichtend für Neubauten angebracht werden sollten. Diese intelligenten Stromzähler sind prinzipiell „Datensammler“ und können natürlich auch Remote gesteuert werden (Stromabschaltung).

Nachdem die Infrastruktur der Stromzähler am besten IP-basierend funktioniert, spricht nichts dagegen diese Gerät via Internet Verbindung anzubinden um möglichst viele verschiedene Technologien und Standards zu vereinen. Die dahinterliegende Backend-Infrastruktur des IT-Systems wird somit zur neuen Plattform Smart Metering für Echtzeitverrechnung oder Energiesparen einzusetzen.

METERUS Middlewarezugriff (c) Pressemitteilung BoxID 212842

METERUS-Middelwarezugriff (c) Pressemitteilung BoxID 212842

International verglichen sind Smart Meter in Schweden überall verpflichtend, in Deutschland hingegen nur für Neubauten oder bei Sanierungen. Für Österreich wäre geplant die wirklichen Vorteile durch Smart Metering nur bei flächendeckender Nutzung zu erreichen. Die Vorteile liegen jedoch nicht offensichtlich auf der Hand.

Die reine Information über Stromverbrauch bedeutet nicht gleich Einsparungspotential durch die Konsumenten. Die Vorteile liegen aus meiner Sicht mehr bei Smart Grid- und Stromnetzbetrieber. Diese besitzen durch Smart Meter die Möglichkeit neue Tarifmodelle zu erschaffen und damit die Strommarkt-Liberalisierung voranzutreiben.

Stabilität des Stromnetzes in Gefahr

Bekanntlich ist das Stromnetz eines der stabilsten Netze überhaupt. Lässt man die Stromversorgungsprobleme in den US-Staaten letzten Jahres außer Acht, ist das Vertrauen der Konsumenten sehr hoch Strom aus der Steckdose zu jeder Zeit zu erhalten.  Was geschieht jedoch wenn die Stromlieferung aufgrund von Mißbrauch oder Hackerangriffen nicht mehr möglich wird?

Strom Hacking

Energie Hacking – Gefahr durch Vernetzung

Ein abstruses Szenario möge man meinen, doch durch die Speicherung von personenbezogenen Daten (Stromverbrauch spiegelt ein soziales und persönliches Bild des Individum wider) wächst auch das Interesse an Datenklau und Datenmanipulation von Cyberkriminellen. Glücklicherweise spielt bei der Speicherung dieser personenbezogenen Daten das Recht auf Datenschutz eine zentrale Rolle (Datenschutzkommision).

Durch die Technologisierung eines weiteren Bereichs im Privatbereich stehen folgende Fragen im Raum:

  • Welche Daten werden erhoben und wo gespeichert?
  • Wer hat Zugriff auf Remote-Steuermöglichkeiten, sprich wer kann wirklich den „Strom abstellen“?
  • Welche Daten werden weitergegeben?

Antworten auf diese Fragen gibt es laut ARGE Datenschutz nicht wirklich. So wurden bereits auch sicherheitsrelevante Angriffe dokumentiert, welche die eigentliche Stabilität des Stromnetzes gefährden würden.

Ein mögliches Angriffsszenario wäre beispielsweise einen Stromzähler zu kompromittieren und mit diesen sich Zugriff auf das Backend zu verschaffen. Sofern die Sicherung der Verbindungen unzureichend sind (keine passwort geschützen Webservice, VPN oder SSL Verbindungen) ein leichtes für jeden Mid-Level Hacker.

Wirtschaftlichkeit oder Profitgier

Rentiert sich die Einführung von Smart Grid oder Smart Metering wirklich oder steckt dahinter die reine Profitgier der Energieunternehmen?

Profitgier enabled durch Smart Grid IT-Systeme

Sofern eine flächendeckende Umsetzung in Österreich möglich wäre, spricht e-control von einem Einsparungspotenzial von bis zu 3% bei Strom. Im Gegensatz dazu muss aber betrachtet werden, dass Kosten der Infrastruktur, Zählergeräte, Internetkosten usw. die Sparpotentiale auffressen und eine Wirtschaftlichkeit sei nicht wirklich gegeben. Beleuchtet man die Studie von PWC genauer bzw. die Aussagen von Erwin Smole im e-control Vortrag, so sind die wirtschaftlichen Vorteile für Energieunternehmen (bessere Prognosen zur Planung, On/Off Peak Berechnungsverbesserungen) für mich zu erkennen, obwohl versucht wird den Konsumenten als Profiteur darzustellen. Die Zahlen für diese Kosten-Nutzen Analyse setzen den best-case vorraus, bieten wenig Spielraum für ein worst-case Szenario wenn die Umsetzung nicht schnell und reibungslos funktioniert. Das würde dann bedeuten, dass die Kosten höher wären als der eigentliche Nutzen und Energieunternehmen ihre Investitionskosten in Strompreiserhöhungen auf den Konsumenten umwälzen.

Neben dem Kosten-Nutzen von Smart Metering besteht auch die Gefahr der Bildung einer Zwei-Klassen Gesellschaft im Energiesektor. Durch die Steuerung der On/Off-Peak Funktion (Haupt- und Nebenzeit) bietet sich die Möglichkeit sozial Schwächeren wie Arbeitslosen, die Stromversorgung für Großgeräte (E-Herd, Waschmaschine) in Nebenzeit vorzuschreiben, um das Stromnetz nicht zusätzlich zu belasten. Alle jene, die es sich leisten können zu On-Peak Zeiten große Strommengen abzunehmen bleiben davon unberührt.

Fazit

Ehrlich gesagt ist die technologische Errungenschaft einen digitalen Stromzähler zu nutzen mit wenig Anreiz verbunden. Das Energiespar-Potential ist nicht wirklich gegeben, weil die Anschaffungs- und Betriebskosten zusätzlich anfallen. Meiner Meinung nach, liegen die Vorteile bei Stromnetzbetreiber und Stromlieferanten, die genauere Daten über den Stromverbrauch in Echtzeit erhalten. Tarifmodelle wie Gratis-Stromzeiten oder extrem hochpreisige Spitzenzeiten sind dann einfach umsetzbar und bringen im Endeffekt mehr Bares den Energieunternehmen.

Strom wird in den kommenden 10 Jahren zur Schlüsselkomponenten im Alltag. Der Preis wird ähnlich stark wie im Erdölbereich anstiegen, wodurch effiziente Stromnutzung und Stromsparen wo es nur möglich ist stark an Bedeutungen gewinnen werden. Wahrscheinlich wird man an Smart Metering nicht vorbei kommen, dennoch bleibt einzuräumen, dass mehr „Datensammeln“ unweigerlich zu Problemen der privaten und persönlichen Stromversorgungssicherheit führen kann.

Weiterführende Links zu interessanten Artikel und Meinungen rund um Smart Metering:

Flattr this!

1 Kommentar
marc 30. Dezember 2010

in dem zusammenhang bin ich vor ein paar wochen auch auf zwei open source projekte gestossen, die ein bisschen mehr fokus auf dem endverbraucher haben:

ethersex – https://m21.hyte.de/wiki/Projekte/EthersexStromzaehler
my smart grid – https://www.mysmartgrid.de/

Kommentar zum Beitrag hinterlassen